Das Engagement von ABB

Peter Smits, Vorstandsvorsitzender und Leiter der Region Zentraleuropa, im Interview zum Thema Desertec.

ABB unterzeichnete im Juli 2009 ein „Memorandum of Understanding“ zur Gründung der Desertec Industrie-Initiative. Warum macht ABB mit?

Peter Smits: ABB hat bereits in den frühen 90er Jahren die Idee eines europäischen Stromnetzes erarbeitet, das verschiedene erneuerbare Energie integriert. Dabei ging es auch darum, die Sonnenergie in Wüsten zu nutzen, um Europa mit emissionsfreiem Strom zu versorgen. Da ist es nur folgerichtig, dass ABB seit mehreren Jahren mit der Desertec Foundation spricht und das Projekt unterstützt. Wir sind überzeugt, dass wir unsere Technologie und unser Know-how für den Erfolg dieses zukunftsweisenden Projekts einbringen können.

Ist diese Vision vom sauberen Wüstenstrom für Europa heute technisch realisierbar?

Die Technologien für ein solches Projekt stehen heute bereits zur Verfügung und sind erprobt. Wir wissen, wie man Energie über lange Distanzen transportieren kann. ABB hat mit der Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) die Schlüsseltechnologie für den Ferntransport von Strom schon vor über 50 Jahren erfunden. Seitdem wurde die HGÜ ständig weiterentwickelt, um erneuerbare Energien zu nutzen, Netze zu verbinden und die Effizienz zu erhöhen.

Geht auf dem Transport – bei Desertec spricht man von 3.000 Kilometern –
nicht sehr viel elektrische Energie verloren?

Dank unserer HGÜ-Technologie lässt sich Strom über lange Distanzen sehr verlustarm übertragen. Pro 1.000 Kilometer gehen wir bei einer Spannung von 800 Kilovolt von etwa drei Prozent Verlust aus – bei einer 3.000 Kilometer langen Verbindung wären es also weniger als 10 Prozent. Eine Verbindung dieser Länge wird aber eher die Ausnahme sein. Viel realistischer scheint es mir, von Nordafrika aus den Strom über Südeuropa ins europäische Verbundnetz einzuspeisen.

Hat ABB schon Erfahrung mit so langen Übertragungsstrecken?

Bereits heute baut ABB in China eine Hochspannungs-Gleichstromübertragungsanlage, die den Strom über 2.000 Kilometer hinweg transportiert und eine Leistung von 6.400 Megawatt hat. Das entspricht etwa sechs Atomkraftwerken. Und im Juli dieses Jahres haben wir den Auftrag für die längste Stromleitung der Welt erhalten. Mittels HGÜ werden zwei neue Wasserkraftwerke im Nordwesten Brasiliens über eine Entfernung von 2.500 Kilometern mit der Wirtschaftsmetropole São Paulo verbunden.

Desertec verlangt sehr hohe Investitionskosten. Kann die in der Sahara gewonnene Energie überhaupt wirtschaftlich sein?

Wir würden das Projekt nicht unterstützen, wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass es mittel- bis langfristig auch wirtschaftlich ist. Bei Desertec sprechen wir ja von einer grossen Zeitspanne – nicht von wenigen Jahren, sondern von Jahrzehnten. Die ersten Pilotversuche werden in mehreren Jahren realisiert sein. Bis zum Jahr 2050 sollen die Solarkraftwerke in der Sahara dann 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Experten gehen davon aus, dass Strom aus Solarkraftwerken in den nächsten 20 Jahren wettbewerbsfähig sein wird. Gleichzeitig wird Strom aus konventionellen Energieträgern teurer.

Kann die in der Wüste gewonnene Energie überhaupt in das bestehende Elektrizitätsnetz in Europa eingespeist werden? Die Netze sind ja bereits heute ausgelastet…

Die europäische Netzinfrastruktur wird aufgrund des immer stärkeren Stromhandels und wachsenden Energiebedarfs über die Landesgrenzen hinweg ausgebaut werden müssen – so oder so. Nicht zuletzt durch die geplanten Windparks in Deutschland, vor Belgien oder in Spanien. Es kann nur von Vorteil sein, wenn die Anbindung des Desertec-Projekts von Anfang an mit in Betracht gezogen wird.

Müsste nicht noch mehr in die Speicherbarkeit von Sonnenenergie investiert werden? Wird bei ABB derzeit in diese Richtung geforscht?

Zunächst ist in den Wüsten die Einstrahlung sowohl intensiver als auch viel regelmässiger als bei uns. Es gibt keine langen Bewölkungsphasen und auch kaum saisonale Schwankungen. Darüber hinaus erlaubt die Solarthermie auch die kurzfristige Speicherung von Energie: In Salzspeichern wird die am Tag erzeugte Wärme festgehalten, damit die Turbinen auch nachts angetrieben werden können. Ich rechne aber damit, dass bei der Stromspeicherung in Zukunft Verbesserungen erzielt werden.

Wird Ihrer Meinung nach die Sonnenenergie aus der Wüste herkömmliche Kern-, Gas- und Kohlekraftwerke ersetzen?

Desertec ist ein visionäres Projekt, das eine CO2-neutrale Stromversorgung für Europa ein Stück näher bringt. Trotzdem wird es noch einige Zeit dauern, bis der erste Wüstenstrom zu uns nach Europa fliesst. Deshalb muss der Energiebedarf durch einen breiten Energiemix gedeckt werden. Wir werden also heute und auch in Zukunft auf die konventionelle Energieerzeugung angewiesen sein.

Kritiker wenden ein, dass eine grosse Hürde für dieses Projekt die verschiedenen Interessen der beteiligten Staaten aus Europa, Nordafrika und in den arabischen Ländern sind …

Das ist in der Tat eine Herausforderung. Gerade deshalb ist geplant, die Kraftwerke über das gesamte nordafrikanische Gebiet verteilt zu erstellen und den Strom über mehrere „Energiebrücken“ nach Europa zu transportieren. Ich bin zuversichtlich, dass politischen Hürden überwunden werden, wenn es sich zeigt, dass das Projekt sich wirtschaftlich lohnt. Davon werden auch die afrikanischen und arabischen Staaten profitieren.

Inwiefern?

Solarenergie könnte zu einem Exportschlager in diesen Ländern. Aus einem im Überfluss vorhandenen Rohstoff – also der Sonnenenergie – kann Wertschöpfung erfolgen. Es entstehen Arbeitsplätze, die technologische Entwicklung wird vorangetrieben und der Wohlstand steigt. Und vergessen Sie nicht, dass diese Länder selber auch Abnehmer des Sahara-Stroms sein werden. Diesen könnten sie dann zum Beispiel für die Entsalzung von Meereswasser nutzen. Trinkwasser zu gewinnen ist sehr energieintensiv. Mit dem Strom aus der Sahara könnten also gleich zwei Probleme auf einmal gelöst werden.

Die Finanzierung ist zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sichergestellt. Wird sich ABB finanziell beteiligen?

Ziel von ABB ist es, die Technologie für das Wüstenstrom-Projekt zu liefern und damit dazu beizutragen, die Machbarkeit und Zuverlässigkeit zu gewährleisten – alles wichtige Voraussetzungen für Investoren.

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