Service-Serie Teil 1: Flüssige Braunkohle in den Adern

2010-01-27 - Service wird immer wichtiger. In einer neuen Feature-Story-Serie stellen wir ABB-Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen vor, die im Service tätig sind. Im ersten Teil erzählt Klaus Holzbecher von ABB in Cottbus von seinem Arbeitsleben.

Klaus Holzbecher hat in seinem Job zwei Hüte auf. Beide stammen vom gleichen Hutmacher, ähneln sich ein gutes Stück weit und sind doch irgendwie verschieden. In seinem „Hauptberuf“ ist Holzbecher Projektmanager im „Center of Excellence Open Pit Mining“ von ABB in Cottbus, dem Expertenteam für die elektrotechnische Ausstattung schweren Equipments im Tagebau.

Derzeit steht sein Schreibtisch in einem schmucklosen Containerbüro in einem riesigen Erdloch in der Oberlausitz, der Blick nach draußen geht auf einen mehr als 20 Meter hohen Sandhaufen: Abraum aus dem Braunkohletagebau. Klaus Holzbecher leitet hier die Inbetriebnahmearbeiten für eines der spektakulärsten Projekte, die der Tagebau derzeit zu bieten hat: Die elektro- und automatisierungstechnische Rundum-Erneuerung der Abraumförderbrücke F 60 – einem Monstrum von mehr als 500 Metern Länge, bis zu 60 Metern Höhe, einem Gewicht von 14.000 Tonnen und einer Förderkapazität von bis zu 400.000 Tonnen Abraum pro Tag. Bis zu 100 Mitarbeiter sind an diesen Inbetriebnahmearbeiten beteiligt. In seinem „Zweitberuf“ ist er aber auch Servicemann.


"Ich arbeite im Service…

…weil es eine hochinteressante Aufgabe ist, bei der man sowohl mit Technik als auch mit Menschen umgehen können muss."

Klaus Holzbecher, ABB Cottbus


Rund ein Drittel seiner Arbeitszeit, schätzt der 55-Jährige, nimmt der in Anspruch. Und dies hat mit seiner Vergangenheit zu tun. Nach seiner Ausbildung zum Elektromonteur in Cottbus und dem Studium für Elektroenergieanlagen in der Braunkohlstadt Senftenberg arbeitete er in der Inbetriebnahme frei programmierbarer Steuerungen und geregelter Antriebe vor allem im Tagebau, aber auch im Kraftwerksbereich. Polen, Russland und die Ukraine lauteten seine Stationen, Bulgarien, Serbien und das Kosovo, dazu Indien, China und weitere Länder. Inbetriebnehmer kommen viel herum in dieser Welt, vor allem wenn sie in sehr speziellen Bereichen tätig sind wie dem Abbau von Kohle oder Erzen über Tage. „Viele Kollegen aus der Inbetriebnahme fühlen sich auch dafür verantwortlich, dass alles „dauerhaft funktioniert“, schlägt Inbetriebnehmer Holzbecher einen Bogen zum Servicemann Holzbecher.


Leitet die Inbetriebnahmearbeiten für eines der spektakulärsten Projekte, die der Tagebau derzeit zu bieten hat: Klaus Holzbecher.

Als vor zehn Jahren der Stromversorger Vattenfall, der neben den Braunkohlekraftwerken in der Lausitz auch die jeweils benachbarten Tagebaue betreibt, einen Servicevertrag mit ABB abschloss, war Holzbecher federführend mit dabei – nicht nur bei der Vertragsgestaltung, sondern auch ganz reell. Bei Störungen der geregelten Antriebe, so die Vereinbarung, muss ein Servicemann innerhalb von vier Stunden vor Ort sein. Zwei Jahre später kam eine ähnliche Vereinbarung mit der MIBRAG, der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH in der Nähe von Leipzig, dazu.

Alle paar Wochen hat der Vater zweier erwachsener Kinder seither Bereitschaftsdienst, jeweils von montags morgens um 7 Uhr bis am nächsten Montag um 7. In dieser Zeit ist dann nichts mit einer Wochenendtour an die Ostsee oder in den Thüringer Wald, Holzbecher lebt in dieser Zeit „stand by“, auf Abruf also. Etwa zehn Bereitschaftsdienste, schätzt er, hat er als Mitglied eines Rufbereitschaftsrings in diesem Jahr absolviert. In manchen Wochen klingelt das Handy kaum, dann wieder fast jeden Tag. Im Schnitt sind es zwei bis drei Mal pro Woche.

Wenn’s dumm läuft auch mal nachts um drei. Holzbecher muss dann raus, ob er will oder nicht. Sein Weg führt in der Regel dann erstmal ins Büro, knapp 20 Kilometer von seinem Wohnort Wiesengrund nach Cottbus. Einige Probleme können vom Diagnoserechner in Cottbus behoben werden, neudeutsch „remote“, etwa Störungen mit der elektronischen Füllstandsüberwachung im Kohlebunker der Vattenfall-Kraftwerke in Jänschwalde, Boxberg oder Schwarze Pumpe. Wenn er raus muss in den Tagebau kann er anhand der Fehlerbeschreibungen häufig bereits abschätzen, welche Ersatzteile er einpacken sollte. Kann er den Schaden vermutlich nicht alleine beheben, holt er einen Spezialisten aus dem Rufbereitschaftsring mit ins Boot.

"So einen Job muss man wollen"

Gerade in den Nachtzeiten ist das Störungstelefon häufiger in Betrieb als am Tag. „Nachts sind nur ein Minimum an Kunden-Instandhaltern tätig“, liefert er die Erklärung gleich mit, „entsprechend sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie schwierige Störungen in Eigenregie beheben können.“ Im Extremfall muss er dann auch schon mal gut 200 Kilometer von Wiesengrund bis nach Leipzig und wieder zurück fahren. „So einen Job muss man wollen“, sagt er und lächelt. „Da muss man auch schon mal hinklotzen können.“ Ein Übermensch ist Klaus Holzbecher deswegen nicht, auch er braucht seinen Schlaf.

Nach einer durchgearbeiteten und durchgefahrenen Nacht meldet er sich für das Tagwerk auch schon mal ab, alles andere wäre ja auch fahrlässig. Kollegen und Vorgesetze nehmen ihm das nicht krumm, sie wissen, was sie an ihm haben. Servicemann Holzbecher liebt diesen Job, durch seine Adern fließt schon seit langem eine Art flüssige Braunkohle. „Service ist eine hochinteressante Aufgabe, weil man dabei sowohl mit Technik als auch mit Menschen umgehen können muss“, sagt er. Klaus Holzbecher, der jugendlicher wirkt als seine 55 Lenze vermuten ließen, kann beides.

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    Klaus Holzbecher
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